3. bis 6. Oktober 2019 in Gent / Brügge / Antwerpen

Hospital und Gesellschaft in Flandern in der Renaissance

Das 25. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte führte in die alte europäische Hospitallandschaft in Flandern.

Folder zum 25. Symposium in Flandern

 

krankentrage jansspitalKrankentrage Jansspital Brüggebeginenhof bruegge ausschnittBeginenhof Brüggejansspital bruegge ausschnittJansspital Brügge

Mit ihrem 25. Symposium knüpfte die Deutsche Gesellschaft für Krankenhausgeschichte an die Anfänge ihrer Geschichte an: Auf ihrer ersten Exkursion mit einem Ziel außerhalb Deutschlands besuchte die Gesellschaft 1971 mit 17 Mitgliedern die flandrische Geschichts- und Hospitallandschaft. Im Mittelpunkt stand nahe liegender Weise der Zeitraum des Spätmittelalters und der beginnenden Neuzeit, in die die erste Blüte der flandrischen Städte und ihrer Hospitäler fiel. Für den Vortragsblock hatte unser Kooperationspartner vor Ort, Prof. Michael Limberger, das inmitten der Altstadt gelegene heutige Tagungs- und Kulturzentrum der Universität Gent Het Pand für uns gewinnen können. Der mittelalterliche Gebäudekomplex hat seine Wurzeln in einem Hospitalbau des Jahres 1201 und bot nicht allein deshalb den idealen Raum für unsere Tagung.

Die Reihe der Vorträge eröffnete Martin Scheutz (Wien) mit Ausführungen über „Die Konfessionalisierung der Spitäler – ein wichtige Wegmarke in der Entwicklung der Spitäler“ und führte damit thematisch in zweierlei Hinsicht in grundlegende Faktoren der Hospitalgeschichte Flanderns zu Beginn der Neuzeit ein. Zum einen wurde Flandern im 16. Jahrhundert zum Kriegsschauplatz des ersten großen europäischen Konfessionskriegs, in dessen Folge die flandrische Nordgrenze gleichzeitig eine neue Staats-, wie auch Konfessionsgrenze zu den protestantisch-reformiert dominierten nördlichen Niederlanden markierte. Zum anderen fanden sich die zwar weltlichen, aber zutiefst religiös geprägten Hospitäler im Zeitalter der Konfessionalisierung nicht selten in der Funktion, als Agenten einer konfessionellen öffentlichen Fürsorge zu wirken, mit Auswirkungen bis tief in deren Organisations- und Lebensabläufe. Insbesondere unter Berücksichtigung mancher reichsstädtischer, bikonfessionell betriebener Hospitäler biete sich hier ein noch weitgehend unbebautes Feld der vergleichenden Hospitalgeschichte.

Daran anknüpfend beleuchtete Ton Kappelhof (Den Haag) „Hospitals in the Northern and Southern Netherlands. Divergent developments 1500-1750“. Kappelhof beleuchtete darin die Rolle der Hospitäler in ihrer Beziehung zu den kommunalen und lokalen Obrigkeiten sowie zu Religion, Orden und Kirche, betrachtete die Hospitäler als Teile eines i.d.R. kommunalen und regionalen fürsorglichen Netzwerks sowie deren Rolle als Anbieter von Heildienstleistungen. Tatsächlich seien die generellen Tendenzen der Hospitalentwicklung in den nördlichen und den südlichen niederländischen Provinzen weitestgehend parallel verlaufen, während es im Norden zusehends zu einer „Säkularisierung“, insbesondere hinsichtlich der Besitzverhältnisse, kam, und im Süden ausgeprägt katholisch-konfessionelle religiöse Einflüsse auf das Hospitalwesen zu verzeichnen sind.

Unser Gastgeber Michael Limberger (Gent) sprach über „Das Antwerpener St. Elisabeth-Hospital bis zum 16. Jahrhundert“. Zwar sei Antwerpen im Vergleich zum benachbarten Brügge, aber auch zu Gent, ein ausdrücklicher „Spätblüher“, erlebte dann aber im 16. Jahrhundert eine ganz außerordentliche Blüte, in der es um die 100.000 Einwohner hatte. Bereits im Spätmittelalter war das St. Elisabeth-Hospital ein vor allem mit Grundbesitz rund um die wachsende Hafenstadt reich ausgestattete Einrichtung. Nach Klagen über dort herrschende Misswirtschaft und im Zuge der Zentralisierung verschiedener Einrichtungen der Armenfürsorge geriet das Haus in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter direkte Aufsicht der städtischen Behörden – ein Vorgang, der auch in vielen Städten des Reiches zu beobachten ist. Marc Dooms (Leuven) war kurzfristig mit einem Vortrag über „Rare Diseases in Mediaeval Europe“ eingesprungen.

Zum Abschluss wies Christina Vanja (Kassel) in ihrem Vortrag „Verwirrte und schwermütige Insassen in den großen Hospitälern der Renaissance – Forschungsstand und offene Fragen“ eindrücklich auf den einerseits erreichten Forschungsstand, andererseits aber auch die zuletzt zu beklagende Abstinenz der Hospitalforschung hinsichtlich der frühneuzeitlichen Entwicklung der prä- und protopsychiatrischen Versorgung hin. Da die klassische Medizin die systematische Trennung „psychischer“ und „somatischer“ Leiden und ihrer Behandlung nicht kenne, sei damit nicht zuletzt groben Missverständnissen eines ausschließlich körperlichen Leiden gewidmeten Hospitals Tür und Tor geöffnet. Hingegen vermag die Perspektive auf die schwermütigen und verwirrten Behandelten in den frühneuzeitlichen Hospitälern den Blick auf das Hospital der Renaissance als Angebot der Heilung für den Leib und für die Seele erst zu weiten und bleibe ein zentrales Betätigungsfeld einer Hospitalforschung der Vor- und Frühmoderne.

Nach der Mitgliederversammlung erfolgte ein geführter Stadtrundgang durch Gent, der von der Bavo-Kathedrale mit dem berühmten Flügelalterar der Brüder van Eyck und dem Bildnis der Konversion des Heiligen Bavo durch Rubens über die spätmittelalterlichen Hafenanlagen bis zum Prinzenhof, Geburtsort Kaiser Karl V.

Am Folgetag haben wir ganztägig unter der kundigen Führung von Michael Limberger Antwerpen erkundet, wo neben der 1521 vollendeten Liebfrauenkathedrale und dem 2011 eröffneten Museum aan de Strom im alten Hafen insbesondere das Maagdenhuis als frühneuzeitlicher Spitalbau besucht wurde. Zum Abschluss unserer Tagung wartete noch Brügge mit einer Führung von Mathijs Speecke auf uns, dort vor allem der Besuch im Sint-Janshospitaal, das mit seiner bis ins 12. Jahrhundert zurück reichenden Geschichte zu den ältesten Spitaleinrichtungen Europas gehört.