Steinhof, MusikzimmerMusikzimmer im Steinhof. Aus einem bebilderten Prospekt des Jahres 1910

1.-3. Oktober 2021 in Wien „Geschichte und Bauten der Psychiatrie in Wien“

Zum 27. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgesellschaft reisten insgesamt 31 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Wien. Unter dem Titel „Geschichte und Bauten der Psychiatrie in Wien“ stand vom 1. bis zum 3. Oktober 2021 die Besichtigung dreier jeweils zum Erbauungszeitraum maßgeblicher Einrichtungen der psychiatrischen Versorgung im Mittelpunkt. Mehrere Teilnehmer*innen hatten unmittelbar zuvor bereits die thematisch verwandte wissenschaftliche Tagung „Zwischen Pädagogik und Heilkunst. Kinderversorgung von der Renaissance bis zur Gegenwart“ vom 30. September bis zum 1. Oktober 2021 besucht und dort insgesamt elf Referate diskutiert.

 Wien JugendstilhoersaalBereits das Ambiente und die historischen Sitzreihen des Jugendstilhörsaals der MedUniWien führten mit der Eröffnung um 14 Uhr in die am intensivsten verhandelte Epoche um die vorletzte Jahrhundertwende ein. Thematisch einleitende Vorträge von Eberhard Gabriel und Monika Ankele beleuchteten zentrale Aspekte der Psychiatriegeschichte. Eberhard Gabriel umriss die wesentlichen Entwicklungen der Wiener Anstaltspsychiatrie von deren Beginn im 18. Jahrhundert bis zu den weitreichenden Reformen der „Psychiatrie-Reform“ seit den 1970er Jahren, die Gabriel – von 1978 bis 2004 ärztlicher Direktor am Otto-Wagner-Spital – verantwortlich gestaltete. Die Medizinhistorikerin Monika Ankele drehte sodann die Perspektive und erläuterte die Geschichte (nicht nur) der Wiener Psychiatrie aus der Perspektive der Behandelten, die nicht zuletzt eine Perspektive aus dem Bett in den Krankensaal und durch dessen Fenster ins Freie war.

In der folgenden Sektion stellten die drei neuen Förderpreisträger*innen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhausgeschichte, Alina Enzensberger, Anthony Sprengel und Urte Verlohren ihre preisgekrönten Studien vor. Förderpreis 2020 » Bei den drei Arbeiten handelt es sich um eine historische, eine medizinische und eine architekturwissenschaftliche Dissertation, die an drei unterschiedlichen Fakultäten zur Promotion führten und damit die fachliche Breite der Krankenhausgeschichte eindrucksvoll demonstrieren.
Zum Abend waren wir auf einen festlichen Empfang des Bürgermeisters der Bundeshauptstadt Wien in den Wiener Rathauskeller eingeladen.

 

KliniktafelAm Samstag morgen stand eine Exkursion nach Amstetten auf dem Programm, etwa 130 Kilometer westlich von Wien gelegen. Durch das seit 1898 als Gartenanlage mit kleinen Pavillons errichtete, inzwischen weitgehend sanierte und behutsam mit Neubauten ergänzte Landesklinikum Mauer führte uns dessen kaufmännischen Direktor Robert Danner. 

Wien SteinhofVon dort aus ging der Weg wieder nach Wien in die 1907 als „Nieder­österreichi­sche Landes-Heil- und Pflegeanstalten für Nerven- und Geisteskranke ‚Am Steinhof‘“, die heutige Klinik Penzing.

Die Baugeschichte des in ein seinerzeit luxuriöses Sanatorium sowie die eigentlichen Heil- und Pflegeanstalten aufgeteilten riesigen Geländes auf der Baumgartner Höhe von der Planung unter Carlo von Boog bis zur Ausführung unter Otto Wagner erläuterte kenntnisreich Gustav Schäfer, der seinerseits über viele Jahre die Verwaltung der Einrichtung geleitet hat.

Im Wortsinne der Höhepunkt war der Besuch der über der Anstalt thronenden Kirche zum Heiligen Leopold, ebenfalls von Otto Wagner entworfen – die leider angesichts der weiterhin gültigen Covid-19-Maßnahmen nicht betreten und von innen besichtigt werden konnte.



Klinik Landstrasse WienAm Sonntag schließlich öffnete ein brandneues Haus für uns seine Türen. Harald Stefan, Bereichsleiter Pflege, selbst maßgeblich an der Planung des 2014 angegangenen Neubaus der Psychiatrischen Abteilung der Klinik Landstraße beteiligt, erläuterte gründlich das Konzept aggressionsmindernder Architektur » und führte uns durch das Gebäude.

Nach zwei beeindruckenden Tagen in Wien – für zahlreiche Teilnehmer*innen, die bereits die wissenschaftliche Tagung „Kinderversorgung von der Renaissance bis zur Gegenwart“ vom 30. September bis zum 1. Oktober besucht hatten, gar vier Tagen – bedankten sich die Teilnehmer*innen bei Monika Ankele und insbesondere bei Gustav Schäfer, deren unermüdlicher Planung die gelungene Tagung zu verdanken ist.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen zur kommenden Tagung in Bielefeld am 6.–8. Oktober 2022!

Downloads

Einladung zum 27. Symposium – Flyer (PDF)

Zum Nachlesen

Eberhard Gabriel, Elisabeth Dietrich-Daum, Elisabeth Lobenwein, Carlos Watzka: "Editorial: Gesellschaft und Psychiatrie in Österreich 1945 bis ca. 1970", in: Virus 14 (2016), S. 9-12

Gustav Schäfer: "Finanzströme spiegeln die Gesellschaft wider – finanzielle und personelle Ressourcen der Psychiatrie in Wien zwischen 1946 und 1970", in: Virus, 2016, S. 335-342

Eberhard Gabriel: "Psychiatrische Einrichtungen im Erzherzogtum unter der Enns (Niederösterreich) im 19. Jahrhundert. Vom Irrenturm in Wien zu den Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke im Licht zeitgenössischer Darstellungen", in: Virus 16 (2017), S. 193-207

Eberhard Gabriel: Zur Geschichte der Psychiatrie auf der Baumgartner Höhe, 2019 (Vortrag am 9. April 2019)

Eberhard Gabriel: Vortragsfolien für den Vortrag am 1. Oktober 2021